Bruno Klomfar Fotografie
PORTFOLIO

Convent School Mariatal - Marte Marte
Convent School Mariatal
Marte Marte

Klösterliche Schalen

Die Geschichte des ehemaligen, 1267 gegründeten Klosters der Dominikanerinnen am Ausgang des Brandenbergtales ist eine Geschichte der Segregation, der freiwilligen und gewaltsamen Absonderung. Zugleich eine wechselvolle Geschichte der Suche nach Heil, nach Heilung. Der Mantel sachlicher Geschichtsschreibung ist dünn angesichts der Tragik individueller Biografien, die sich im Laufe von 740 Jahren mit dem Ort verbunden haben. Der Umbau reagiert – davon unbeeindruckt – vor allem auf die dynamische Energie der angrenzenden Ache und die dominante Enge des Tales mit dem Gewicht zweier gedrungener Baukörper aus Sichtbeton. Die Idee des mittelalterlichen Klosters ist der motivische Ausgangspunkt für diesen gestalterischen Neuanfang.

„Du darfst sein, wie du bist und werden, wie du sein kannst.“ Zur Ortschaft zeigt sich Mariatal als Pfarrkirche mit Friedhof und als Wallfahrtsstätte mit zwei mächtigen Gasthöfen. Die frühere Klosteranlage und jetzt gänzlich säkulare Schule liegt taleinwärts hinter dem querliegenden Kirchenbau. Die Geschichte reicht von der Volksmission des Mittelalters, über den Stillstand im Zeitalter der Kirchenspaltung, den neuerlichen Aufschwung der Gegenreformation durch barockisierende Umgestaltungen und die Stiftung religiöser Reliquien zum Zwecke der Wallfahrt, bis hin zur josephinischen Säkularisierung 1782 und dem neuerlichen Betrieb einer Ordensvolksschule seit 1867. Eine Episode von 1939 bis 1941 als Anhaltelager für geistig behinderte Kinder endete mit dem gewaltsamen Abtransport von 61 Kindern in Vernichtungslager. Nach dem Krieg betrieb das Land Tirol ein Erziehungsheim bis zur Gründung der Sonderschule. Die 1971 gegründete Sonderschule des Landes hebt sich mit ihrem engagierten Programm mehr und mehr über die Geschichte des Ortes hinaus. Nach obigem Leitspruch werden heute 45 Kinder ganztägig unterrichtet und betreut. Etwa die Hälfte davon lebt im mittlerweile eingegliederten Internat. Mit einem hohen Anspruch an Integration verschiedenster Behinderungen und einer innovativen und gesamtheitlichen Betreuungsidee wuchs ein anspruchsvoller Schul- und Pflegebetrieb, der an die Grenzen der alten Anlage stieß.

Im folgenden Architekturwettbewerb wurden auf Drängen der Teilnehmer schließlich alle Zubauten aus den 1950er und 1970er Jahren zum Abbruch frei gegeben und das Projekt von Marte.Marte nutzte dies zu einer deutlichen Umstrukturierung, die den zuvor zum Fluss offenen Hof stärker schließt und die institutionelle Autonomie von der Pfarrkirche reflektiert. Ein freistehender Schulbau mit Therapiebad und unterirdischem Turnsaal löst einen Anbau an das Kirchengebäude ab und verbindet den Hof über eine bestehende Terrassenanlage mit dem Wiesgarten, einem ummauerten Klostergarten, der heute als riesiger Spielplatz genutzt werden kann. Ein großzügig verglastes Stiegenhaus verbindet den Schulbau mit dem denkmalgeschützten Haupthaus, das hauptsächlich für Sonderunterrichtsräume mit sorgsamen Eingriffen renoviert wurde. Im Erdgeschoß empfängt die Verwaltung die Besucher, ein großes Foyer im ersten Stock dient als Versammlungsraum, ein kollektives Wohnzimmer in dem nach dem Unterricht auch die Übergabe der Kinder an die Betreuer stattfinden kann. Über eine zweigeschoßige gläserne Brücke gelangt man in den Wohntrakt entlang des Flusses. An seinem historischen Ende noch privat genutzt, birgt er im neu gebauten Teil das Internat, das in Wohngruppen organisiert ist.

Grundriss EG
Ansicht 01
Schnitt

„Noch nie war Beton so ideal.“

So kommentieren die Architekten ihre Entscheidung für die markante Materialsprache der Neubauten. Damit und durch die Wiederherstellung des Klosterhofs konnten sie der dominanten Wallfahrtskirche ein räumliches Gewicht entgegen setzen. Die Kraft der Monolithen wurde durch die Verschiebung der Betonierabschnitte um ein halbes Geschoß noch gesteigert. Die sonst lagerhaften und tektonisch wirkenden Fugen wandeln sich zu Nähten einer durchgehenden Außenhaut. Technisch möglich wurde das spezielle Schalbild ohne sichtbare Deckenstirnseiten durch das nachträgliche Einhängen der Stahlbetondecken mit Iso-Körben und Querkraftdorne. Diese Fassadenstruktur überlagert sich mit dem durchkomponierten Rhythmus einer Lochfassade, die durch geschoßweisen Versatz und die Kombination von nur zwei Fenstertypen erreicht wird. Schmale Fenstertüren mit handbreiter Schwelle und gläserner Absturzsicherung werden von quadratischen Fenstern mit breiten Rahmen akzentuiert, die als Blenden minimal vor der Fassade sitzen und die aggressiven Auswaschungen der Betonfassade nach innen ableiten. Alle Metallflächen bestehen aus golden eloxiertem Aluminium, das eine unerwartet freundliche Stimmung in die steinerne Strenge bringt. Eine sanfte Analogie bietet sich an zu den barocken Altarbauten der benachbarten Pfarrkirche, deren goldene Ornamentik sich über tiefschwarze Holzuntergründe hebt. Doch auf Nachfrage werden keine bewussten Verbindungen bestätigt. Immerhin lassen sich eine Geistesverwandtschaft und die gemeinsame Freude an der architektonischen Dramatik ablesen. Bemerkenswerter sind die rhythmischen Verschiebungen der Fassadenflächen, die wie bei früheren Bauten der Architekten ohne Bezug auf das Innere den Charakter einer musikalischen Variation annehmen. Der Schulbau zeigt pro Geschoß je eines, an der Westfassade je zwei Sonderelemente in den Fensterreihen. Goldfarbene Rollos steigern noch ihre sonnige Strahlkraft.

„Die Erwachsenen haben sich schwerer mit dem Bau getan als die Kinder.“ Im Inneren vermitteln Türen und Möbeleinbauten in Ulmenholz neben rubinrotem PU-Belag auf den Böden eine fast feierliche Wohnlichkeit. Das Rot der horizontalen Wegflächen erzeugt zu den Treppenläufen aus Sichtbeton den für die Kinder erforderlichen Kontrast. Der Innenausbau in Gipskarton sucht in seiner leichten und neutralweißen Ausführung eine Balance zur Präsenz der massiven Ulme und vor allem der Sichtbetondecken. Das gestalterische Prinzip einer außenliegenden Tragkonstruktion mit Innendämmung und Sichtbetondecken im Internat stellte an Planung und Umsetzung hohe Ansprüche. Die handwerkliche Perfektion der Betonarbeiten und die Dampfdichtheit der inneren Schale mussten gewährleistet sein. Breite raumhohe Vorhänge schufen die notwendige raumakustische Dämpfung. Die engen budgetären Vorgaben setzten Komfort und Nachhaltigkeit leider ihre Grenzen. Konventionelle 16cm Dämmung, Fensterlüftung und eine Gasheizung stehen dem herausragenden gestalterischen Standard leider um einiges nach.
Die Stringenz des architektonischen Statements für einen Ort, der für seine Nutzer maximal weich und flexibel sein will, ergibt auf den ersten Blick ein Paradox. Als Sinnbild der Wehrhaftigkeit und des Schutzes erscheint diese Strenge gerechtfertigt. Seine gestalterischen Variationen, die sich auf die gewachsene Regellosigkeit der Nachbarbauten beziehen, erreichen sogar eine spielerische Note. Dennoch ergaben sich vor allem im Inneren und mit den vielfältigen Anforderungen des Pflegealltags einige Reibungspunkte, welche die Kommunikation zwischen anspruchsvoller Gestaltung und dem pflegerisch nicht minder anspruchsvollen Nutzerkreis manchmal überforderten. Die räumlich sichere Setzung der Gebäude, die vielfältige Durchwegung und die spürbar entstandene Identität bilden aber eine unschätzbare Substanz, in der sich der ambitionierte Geist dieser Institution sicher einrichten wird.

Text: Robert Fabach
http://www.marte-marte.com