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Purification Plant Senningbach - sam ottreinisch
Purification Plant Senningbach
sam ottreinisch

Architektur zur Klärung

Der Bauaufgabe einer Kläranlage begegnete man in Niederösterreich bis dato mit einer Verschleierungstaktik. Sie wurden hinter Fassaden versteckt, die an Einfamilienhäuser oder Kellergassen erinnern. Für die Kläranlage Großmugl- Niederhollabrunn entwickelten Franz Sam und Irene Ott-Reinisch eine Architektursprache, die dem Bautyp entspricht.
Niederösterreich ist ein Land mit fruchtbaren Feldern, Weinbergen und barocker Lebenskultur. Der stinkenden Abwässer am Ende der Nahrungsmittelkette entledigte man sich kurz und schmerzlos in Senkgruben. Steigendes Umweltbewusstsein führte in den 90ern zu strengeren Auflagen für die Nitratwerte im geklärten Abwasser, dazu kam auf Landesebene eine Verordnung, die den Bau von Kläranlagen forcierte. Die wurden von Technikern geplant, gaben sich nach außen unverfänglich und bedienten sich dafür regionaler Typologien wie dem Weinkeller oder Einfamilienhaus.

Großmugl hat knapp 5000 Einwohner und einen baukulturell ambitionierten Bürgermeister. Die Architekten Franz Sam und Irene Ott-Reinisch haben mit Umbau, Möblierung und Vorplatzdesign des Kindergartens schon Spuren im Ort hinterlassen. Als die Investition in eine Kläranlage virulent wurde, schloss man sich mit Niederhollabrunn zusammen und beauftragte sie mit der künstlerischen Gestaltung. Dabei blieb es auch, als die EVN den Bau übernahm.
In einer Kläranlage durchläuft das Wasser mehrere Phasen von stark verschmutzt bis sauber. Erste Voraussetzung dafür ist ein natürliches Gefälle, in dem die Abwässer aller angeschlossenen Orte in ein Schmutzwasserkanalsystem fließen können. Zweite Vorraussetzung ist ein sogenannter Vorfluter, in den man das geklärte Wasser ableiten kann. In einer Talsenke am Senningbach fand sich ein Grundstück, das beides erfüllte.

Dem Bautyp haftet das Tabu des Unreinen an, der in eklatantem Widerspruch zu seiner Funktion steht. Die Kläranlage Großmugl-Niederhollabrunn ist nicht zu übersehen. „Der technische Aufwand ist enorm. Wir wollten eine vorzeigbare Typologie entwickeln, die dem entspricht,“ so Ott-Reinisch. Wie gestrandete Wale liegen die fließend geformten, hellgrauen Betriebs- und Rechengebäude zwischen runden und ovalen Sichtbetonbecken. Wie Flossen ragen ihre Dächer aus dem Hügelmeer. Ihre Form kommt nicht von ungefähr. Sie entwickelte sich aus der ursprünglichen Idee, Haifischflossen aus dem Belebungsbecken ragen zu lassen. Sie sollten auf den darwinistischen Kampf im Wasser hinweisen, wo Bakterienkulturen die Schadstoffe killen. „Es ist ein klassisches Ingenieurbauwerk. Wir haben Unmengen hochwertigen Beton verbaut. Aber man sieht nur einen Bruchteil: das meiste verläuft unterirdisch.“ Ein dichtes Transportsystem an Leitungen untergräbt das Gelände, die ganze Anlage ist aus glattem, säurebeständigen, wasserundurchlässigem Beton, dem spezielle Zusatzstoffe beigesetzt wurden. Der Klärungskreislauf beginnt im Keller des Rechengebäudes.

Hier wird das Abwasser aus dem Sammelschacht durch ein Sieb und eine Förderschnecke geschleust, in der die Feststoffe hängen bleiben. Zu Ballen gepresst, landen sie trocken zum Abtransport unterm Flossendach. Das Wasser geht weiter in die zwei Belebungsbecken, wo ihm Sauerstoff und Bakterien zusetzen. Blubbernd treibt es in zähen Bahnen um die Wandscheiben in der Mitte. Auf einem Steg kann man ihm dabei zusehen, aus den Nachklärbecken fließt es direkt in den Senningbach. Der große Wal ist das Betriebsgebäude. Unter seiner gebogenen Wirbelsäule ist der Eingang, dahinter liegen Labor, Schaltraum und Werkstatt. Im Kopf an der schrägen Stirnseite, die fließend in den Deckenbogen aus Sichtbeton übergeht, ist der Aufenthaltsraum der Belegschaft. Weit reißen freigeformte Fenster beide Raumecken auf. An Arbeitsplatz und Esstisch scheinen die Felder zum Greifen nah. Zwölf Meter ragt die Schwanzflosse aus dem dicken Ende des Gebäudes, wo der Schlamm aus dem Eindicker zu Ballen gepresst wird und seiner Entsorgung entgegen trocknet.

Text: Isabelle Marboe
Erschienen in: architektur.aktuell, No.340 341, 7-8.2008


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