Bruno Klomfar Fotografie
PORTFOLIO

Headquarter Fri-El - Scherer Markus
Headquarter Fri-El
Scherer Markus

Bozen ist eine Stadt mit vielen Gesichtern. Vom deutschen und Italienischen Lebensstil sowie vom Mittelalter bis zum italienischem Razionalismus hinauf zur neuesten Stadterweiterung in der ehemaligen Industriezone im Süden der Stadt hat Bozen sein heutiges Bild erhalten. Viele Firmensitze folgten dieser Entwicklung und sie siedelten sich im autofreundlichen Süden der Stadt an. Schnelle Erreichbarkeit und buisness as usual gilt teilweise als oberste Maxime. Die Firma Fri-el Green Power, welche in der Herstellung von alternativer Energie tätig ist (vornehmlich Windkraft) wollte nicht diesen Weg gehen. Sie wollte im Herzen der Stadt präsent sein. Die Mitarbeiter und Kunden die auch angenehmen Seiten der Innenstadt spüren lassen und den Arbeitsplatz nicht als reines Werkzeug sondern auch als Bereich zum Wohlfühlen zu gestalten war die Aufgabe. Es macht doch einen wesentlichen Unterschied ob man vom Arbeitsplatz aus in ein Ambiente gelangt wo munteres Treiben herrscht, Caféhäuser an städtischen Plätzen stehen und Touristen sowie Einheimische flanieren. Umgekehrt gesehen, ist es auch ein Entgegenwirken der urbanen Entwicklung wo Zentren nur mehr zu Geschäfts – und Schaubereichen verkommen und nicht mehr gelebt werden.
Diese Unternehmensfilosofie sollte auch im Gebäude selbst Niederschlag finden.

Der Wunsch des Bauherrn war ein Ambiente zu schaffen, welches dieses Wohlfüllen auch während der Arbeit ermöglicht. Die Grundaussage bestand darin, dass am Arbeitsplatz mehr Zeit verbracht wird als in den eigenen vier Wänden und daher zwar ein Arbeitsplatz aber eben mit wohnlichem Charakter geschaffen werden sollte.
Als Ort des Möglichen wurde ein denkmalgeschütztes Gebäude im Zentrum von Bozen gefunden, welches in den letzen Jahren als Gasthof gedient hat aber in seiner Geschichte als Ort der nicht mehr bestehenden bischöflichen Burg  und später bischöfliche Bäckerei archivarisch genannt wird. In den Grundmauern des Gebäudes ist diese Geschichte noch lesbar. Der barocke Umbau der das heutige Ausmaß des Gebäudes geformt hat wurde von der Gasthoffunktion stark überlagert. So war es nicht verwunderlich, dass bei Übernahme des Gebäudes wenige historisch relevante Elemente noch vorhanden waren und die offensichtlichsten davon sich im Kellerbereich befinden. Nach Befundung des gesamten Baubestandes wurden die Kellerbereiche, die Mittelwand mit den historisch noch vorhandenen Öffnungen (teilweise in der Bauphase wieder freizulegen) sowie die gesamte Aussenfassade als beizubehaltendes Element herausgefiltert. Die Treppenführung und somit historisch korrekte Erschließung des Gebäudes war nicht mehr nachzuvollziehen.

Grundriss 1.ST.
Südwestansicht
Schnitt 01
Schnitt 02

Eindeutig wurde jedoch festgestellt, dass das Gebäude eine große zentrale Lichthaube hatte (welche für Bozner Stadthäuser absolut typisch sind) und diese immer die Treppenbereiche im Haus belichten. Auf Grund dieser Befundungen war es möglich wieder eine Lichthaube auf das Dach zu setzen und darunter eine neue Treppe als zentrales Erschliessungselement anzuordnen. Im Sinne der Interpretation (Carta von Venedig), welche neue Elemente innerhalb der historischen Baubestände klar lesbar lassen soll wurde die neue Treppe frei in den Raum gestellt und als leichtes Metallelement mit Glasbrüstung ausgebildet. Für die Sichtteile in Metall wurde Baubronze gewählt, welche einen guten Dialog mit dem historischen Baubestand sowohl von der Materialität als auch Chromatik führt. Es ist zudem ein Metall welches wohnlichen Charakter hat besonders weil die patinierten Oberflächen leichte Farbnuancierungen aufweisen, welche durch den täglichen Gebrauch sich ändern. An den stark verwendeten Stellen wird Baubronze hell und zeugt von der Anwesenheit des Menschen im Gebäude. Die Wandscheiben zur Treppe hin, welche ebenfalls nicht mehr historisch Bausubstanz waren wurden als transparente Glasflächen neu eingestellt. Diese lassen teilweise Durchsichten durch das Gebäude zu und geben ein offenes Raumerlebnis das die Treppe als zentrales und verbindendes Element hervorhebt. Jene Flächen die neue Räume abtrennen und nicht einsichtig sein können (z.B. WC – Bereiche) wurden als hinterleuchtete Glasflächen ausgebildet. Auf diesen wurden ganzflächig Fotomotive aufkaschiert, welche von einem Mailänder Künstler für die Firma von den Standorten der Windparks gemacht wurde. Dadurch entsteht ein Bezug vom Arbeitsplatz mit den einzelnen Produktionsstäten und sowohl Besucher als Mitarbeiter bekommen ein direktes Verhältnis zum Tätigkeitsfeld.Die historischen Putzbestände der Mauern wurden wieder hervorgehoben und die alten Balkendecken sollten in Sicht bleiben. Zur statischen Verstärkung wurden die bestehenden Holzbalken zusammen mit einem 6 cm starken Betonguss (der an der Untersichtseite als Betonschalung mit rauen Brettern ausgeführt wurde) zu einer Verbunddecke umgeändert. Durch die Holzstruktur die sich an der Betonuntersiete abzeichnet wird man an die ursprünglich vorhandenen Holzbrettereinlagen welche zu den Decken gehörten erinnert. Durch diese Maßnahme gelang es zudem bei extrem niedrigen Bodenaufbauten zu bleiben (wie sie im Altbestand waren) und somit nicht mit den bestehenden Brüstungshöhen an den Fenstern in Konflikt zu kommen. Bei jenen Decken wo keine Balken mehr vorhanden waren wurden (auch zur statischen Aussteifung des Gebäudes) Massivdecken in Sichtbeton (aber glatt) eingesetzt. Diese liegen in den historischen Balkenlöchern auf. Um die Betondecken (sowohl mit als ohne Balken) in das wohnliche Konzept einzufügen wurden diese mit einer natürlichen Pigmentlasur in heller olivgrüner Farbe behandelt. Im ersten Obergeschoss wurde zudem oberhalb einer im Laufe der Jahre eingebrachten Decke eine schöne Balkendecke mit Holzfüllungen gefunden und entsprechend restauriert. Typologisch gesehen wurde das Gebäude grundrissmäßig wieder auf seine Grundform zurückgeführt. Dadurch entstanden wieder grösser Räume welche der Nutzung als Büro entgegen kamen. Die neuen Böden sowie Gehbeläge auf den Treppen wurden einheitlich als Estrichboden in einem warmen grau ausgeführt. Durch diesen stetigen Dialog zwischen den noch vorhandenen historischen Elementen welche wieder hervorgehobenen wurden und den neu eingebrachten Bauteilen, entstand eine spannende Wechselwirkung die jedem Raum ein ganz eigenes und individuelles Erscheinungsbild gibt. Durch die Kontinuität in der Materialwahl betreffend der neuen Eingriffe erhält man aber trotzdem ein einheitliches Bild.Bei der Wahl der Möblierung sowie der Beleuchtung wurde dem Aspekt der Wohnlichkeit sowie der Bausubstanz Rechnung getragen. Dies betraf vor allem Tische und Sitzmöbel in den Sitzungs – und besprechungsbereichen – sowie Aufenthaltsräume. Bei den Schränken wurde ebenfalls versucht diesen einen wohnlichen Charakter durch die Einfassung mit dunklem Nussholz zu geben. Hinter diesen rahmen wurden Lichtbänder eingebaut, welche die Decke mit indirektem Licht aufhellen. Ein ähnliches Konzept wurde bei der Wahl der Arbeitsplatzbeleuchtung gewählt.Die Farbauswahl wurde insgesamt auf das Gebäude abgestimmt so dass ein gesamtheitliches und sehr wohnliches Erscheinungsbild entsteht.

Text: Markus Scherer