Bruno Klomfar Fotografie
PORTFOLIO

Biennale Venecia 2008 - Bettina Götz - Artec
Biennale Venecia 2008
Bettina Götz - Artec

Before Architecture. Vor der Architektur

Ausgehend von der These, dass Architektur neu generiert werden kann, wenn gewöhnliche Programme überraschend interpretiert werden, präsentiert die Ausstellung im Österreich Pavillon Grundlagen und Inhalte von Architektur von drei unterschiedlichen Positionen.
Before Architecture. Vor der Architektur setzt einerseits zwei markante Positionen mit jeweils eigenen Architekturkonzepten zueinander in Beziehung, andererseits wird das Potential von „Wohnbau als Anlass für Architektur“ hinterfragt. Die speziell für den österreichischen Pavillon entwickelte Ausstellungspräsentation soll überraschende Erkenntnisse für den Betrachter bieten.

Position 1 - Josef Lackner

Die Ausstellung behandelt die spezielle Entwurfsmethodik Josef Lackners. Fünf aus Lindenholz gefräste Modelle stellen typologisch und maßstäblich unterschiedliche Bauwerke Josef Lackners auf einer Abstraktionsebene dar, wodurch ihre außergewöhnliche räumliche Qualität in den Vordergrund rückt. Die Arbeiten von Josef Lackner unterliegen keinem Stil, ihr ‚Stil‘ ist das Konzept, welches von Fall zu Fall unterschiedlich ist – so unterschiedlich wie schlussendlich auch das Erscheinungsbild der gebauten Objekte.

Position 2 - PAUHOF architekten

Das Interesse der Architekten liegt im städtebaulichen Maßstab und manifestiert sich in großen Architekturmodellen, die als fertiges Werk gelten können. Ihre Auseinandersetzung mit der sich verändernden städtischen Lebenskultur funktioniert auch im Gebauten wie ein Modellfall.

Position 3 - Wohnbau als Anlass

Auf Einladung von Bettina Götz stellte Werner Sewing, Architekturtheoretiker aus Berlin und Außenbeobachter der österreichischen Architekturszene, das Thema Wohnbau in den Mittelpunkt von Gesprächen mit sieben österreichischen ArchitektInnenteams: Maria Flöckner und Hermann Schnöll, Dieter Henke und Marta Schreieck, Christian Jabornegg und András Pálffy, Bernhard Marte und Stefan Marte, Wolfgang Pöschl, Florian Riegler und Roger Riewe sowie Gerhard Steixner.

Position 1 - Josef Lackner (1931–2000)

Architekt und Professor an der Universität Innsbruck/Tirol Obwohl gedanklich fundierte Architektur auch ihre äußerlich unspektakulären Erscheinungsformen miteinschließt, ist die Architektur von Josef Lackner stets explizit und augenscheinlich, sie spricht eine deutliche Sprache (sodass sie eigentlich nicht gedeutet werden muss) und beansprucht kraft ihrer konzeptuellen Eigenart eine autonome Position. Der Architekt, der wie er selbst sagte, in seiner Arbeit „immer wieder einen erfinderischen Sprung“ machen wollte und sich keine vorgefassten Lösungen gestattete, versuchte selbst vermeintlich substanzlosen Bauaufgaben neue Perspektiven abzugewinnen, und – in einer unauflöslichen Beziehung zwischen Konstruktion und „Inhalt“ – einem scheinbar stabilen Gebäudetypus unerwartete Wendungen zu geben. Die für Lackner wohl charakteristische Beziehung zwischen Konstruktionslogik und architektonischem Überraschungsmoment lässt sich anhand von fünf exemplarischen Beispielen (eine Kirche, ein Jugendzentrum, ein Privatbad, eine Schule, eine Werkshalle) veranschaulichen. Ich gehe dabei von der Annahme aus, dass rationale Grundlagen wie Konstruktion, Geometrie und Symmetrie von Lackner nicht erfindungsreich gebrochen, sondern gezielt artikuliert werden, um in ihrer Zuspitzung Sprungbrett gedanklicher Freiheit zu sein. Strukturelle Ordnung und konstruktive Logik bilden demnach nicht den Widerpart, sondern das Fundament und den Rahmen jenes „erfinderischen Sprungs“, den der Architekt in vielen seiner Projekte vollzog. Aus der Rationalität schlüssiger Konstruktion allein ließen sich Lackners Raumerfindungen nur schwer ableiten. „Rationalität fasziniert“, schreibt er 1977, doch „die Architektur ist nur in Grenzbereichen rationell. Oft muss der Architekt diesen überschaubaren Weg zugunsten eines wagemutigen Tastens verlassen.“ Das
mag auch erklären, warum sich Lackner, anders als viele seiner Kollegen aus der Holzmeister-Schule, zum Rationalismus Konrad Wachsmanns nicht vorbehaltlos hingezogen fühlte.

Position 2 - PAUHOF architekten

Aaron Betsky begreift Architektur als eine weit über das eigentliche Bauwerk hinausgehende Hinwendung zu Kunst, Literatur, Medien, Visionen und Konzepten. In ihrer nun 22-jährigen Praxis haben sich PAUHOF architekten kontinuierlich mit diesen Themen beschäftigt und – über den bloßen Entwurf von Großprojekten und städtebaulichen Konzepten hinaus – versucht, Szenarien von neuen Stadtideen, hypothetische Stadtszenarien und daraus abgeleitete Stadtmodelle zu entwickeln. Beispiele sind Entwürfe wie: Wien Nord, Synthese Museum Wien, Schwarzenbergplatz Wien, Regierungsviertel im Spreebogen Berlin, die Revitalisierung der Souks von Beirut, oder der Erste Campus Wien. Die Auseinandersetzung mit Phänomenen der sich verändernden städtischen Lebenskultur, der Transformation von Kommunikationssystemen und deren Auswirkungen auf die Planungsbedingungen ist eine ständige Herausforderung für PAUHOF.

Die Praxis sieht allerdings auch 1:1 Realisierungen vor, in den Häusern von PAUHOF wird gewohnt und gearbeitet. Haus P erhielt beim Glasgow Festival 1999 die Würdigung als wichtigstes Wohnhaus des letzten Jahrzehnts. Mit dem jüngst fertig gestellten Haus D (Brixen/I) ist auch ein weiterer Schritt in Richtung der von den Architekten selbst postulierten Kriterien erfolgt: „Architektur sollte in einem Gemeinwesen als kulturelle Kraft wirken und damit Identität stiften. Andererseits die konkreten individuellen Lebenssituationen des Alltags berücksichtigen und angenehm erleben lassen – auch in ihrer Grausamkeit.“ Zwischen dem Selbstbestimmten der Kunst und dem Fremdbestimmten der Architektur sehen Michael Hofstätter und Wolfgang Pauzenberger somit einen klaren Unterschied. Eine Differenz, die PAUHOF architekten mit ihrem Erfindungsgeist und der Fähigkeit, dichte, atmosphärisch aufgeladene Räume zu erzeugen konsequent in ihre Projekte übersetzen. In neun Ausstellungen haben PAUHOF eigene Modelle, Collagen und Installationen gezeigt, in zwölf weiteren den Werken anderer Künstler eine architektonische Umsetzung. Hervorgehoben seien darunter die Ausstellungsinstallationen PAUHOF - Implied Volumes (Spazio Opos Mailand, 1995), Martin Kippenberger – Tiefes Kehlchen (U-Bahn-Bautunnel in Wien, 1991), Samuel Beckett / Bruce Nauman (Kunsthalle Wien, 2000) und ALFRED HITCHCOCK & PAUHOF: The Wrong House (eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Architektur in den Filmen Alfred Hitchcocks, deSingel, Antwerpen, 2007). Für den Österreich Pavillon in Venedig entwickelten PAUHOF architekten eine Modellanordnung als Rauminstallation Archetherid.

Position 3 - Wohnbau als Anlass

Die Frage Betskys nach den Praktiken, welche imstande wären, zeitgemäße Lebensformen zu entwickeln, um uns in einer modernen Welt „zu Hause“ fühlen zu können, kennzeichnet in den Interviews immer wieder das Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis.

Werner Sewing interviewte folgende ArchitektInnen:
Maria Flöckner und Hermann Schnöll, Salzburg
Dieter Henke und Marta Schreieck, Wien
Christian Jabornegg und András Pálffy, Wien
Bernhard Marte und Stefan Marte, Weiler/Vorarlberg
Wolfgang Pöschl, Mils/Tirol
Florian Riegler und Roger Riewe, Graz/Steiermark
Gerhard Steixner, Wien
Sieben Videos dokumentieren die individuellen Erfahrungen der Befragten mit den gegenwärtigen sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen. Ihre Meinungen geben Anlass zur Entwicklung von Strategien und Visionen, welche weit über die regionalen Bedingungen hinausreichen. Was sie verbindet, ist ein kritischer Abstand zum aktuellen heimischen Wohnbau sowie die Realisierung international beachteter und publizierter Bauwerke. Ihre Aussagen zu Wohnbaufragen basieren auf einer profunden Kenntnis des Bauens in Österreich und sollen Antworten aus verschiedenen Blickwinkeln anbieten. Daraus entsteht ein Kaleidoskop von Problemstellungen und Lösungsvorschlägen, eine Matrix für weitere Arbeit und Debatte.

Werner Sewing, geboren 1951. Architekturtheoretiker und Soziologe. Lebt in Berlin. Lehre in Architekturtheorie, Architekturgeschichte und Soziologie an der TU Berlin, der Universität der Künste Berlin, der Bauhaus-Universität in Weimar, der Universität Stuttgart, der TU Braunschweig, der University of California Berkeley und der University of Kentucky. Seit 2008 Professor für Architekturtheorie an der TU Karlsruhe.

www.artec-architekten.at

Grundriss
Schnitt 01
Schnitt 02
Schnitt 03